14. Februar 1943 — Fotos nach sechs Monaten immer noch nicht fertig
Transkription
14.II.43. Шонайх. Добрый день мои дорогие! Сегодня выходной и я пишу Вам, Дяде Ваке, Тамаров К, Ани К и Наташе. Я жива и здорова жизнь по старому, домой охота, сильно соскучалась за Вами родные, и за любимым Ки[евом]. Сегодня мы с Раей были снова в Эбрахе насчет фото, уже шестой месяц проходит, а они еще не готовы. Имею фото недавно Генвих сфотографировал как раз на новый год. Я в шляпке поем зеленом платье, шерстяной кофточке с сумочкой под рукой, в хороших чулках и моих туфлях. Вообще намишу Вам, что все вещи взятые мной из дому в полном порядке, все совсем новое, только мой сарафан турецкий уже разлезся. Я не знаю стоит ли это делать, я хочу белый платок отослать Вам или не рисковать? Ведь дело идет к лету.
Kontext
Geschrieben am Valentinstag 1943, enthüllt dieser Brief sowohl Raisas tiefes Heimweh als auch ihre überraschend guten materiellen Bedingungen:
Tiefes Heimweh: „Сильно соскучалась за Вами родные, и за любимым Киевом" (Ich vermisse euch schrecklich, Liebe, und das geliebte Kiew) — einer ihrer direktesten Ausdrücke der Sehnsucht. Das Diminutiv „любимым" (geliebtes) für Kiew zeigt ihre emotionale Verbindung zur Stadt.
Foto-Drama: Sechs Monate Warten auf die Entwicklung von Fotos in Ebrach (eine Stadt in Oberfranken). Dies deutet entweder auf kriegsbedingte Knappheit bei Fotomaterial oder die niedrige Priorität für Ostarbeiter-Anfragen hin. Fotografie war offensichtlich wichtig für die Aufrechterhaltung von Familienverbindungen.
Neujahrs-Porträt: Genvikh (möglicherweise Heinrich oder Hedwig) fotografierte sie zu Neujahr in einem aufwendigen Outfit:
- „В шляпке" — mit Hut
- „Зелёном платье" — grünes Kleid
- „Шерстяной кофточке" — Wolljacke
- „С сумочкой под рукой" — Handtasche unter dem Arm
- „В хороших чулках и моих туфлях" — gute Strümpfe und ihre eigenen Schuhe
Materielle Bedingungen: Bemerkenswert: „все вещи взятые мной из дому в полном порядке, все совсем новое" (alle Sachen, die ich von zu Hause mitgebracht habe, sind in perfektem Zustand, alles noch neu). Nur ihr „турецкий сарафан" (türkisches Trägerkleid) ist abgetragen. Dies deutet auf ausgezeichnete Pflege der Besitztümer und möglicherweise geringen Verschleiß hin.
Großzügiger Impuls: Sie möchte ein weißes Tuch nach Hause schicken, sorgt sich aber um das Risiko: „не рисковать?" (nicht riskieren?). Selbst als Zwangsarbeiterin denkt sie daran, Geschenke nach Hause zu schicken.
Korrespondenznetzwerk: Schreibt an fünf Personen an ihrem freien Tag: Familie, Onkel Vaka, Tamara K., Anya K. und Natasha — unterhält ein umfangreiches soziales Netzwerk trotz der Entfernung.
Jahreszeitbewusstsein: „Дело идет к лету" (der Sommer kommt) — denkt an saisonale Bedürfnisse, sowohl für sich als auch für die Familie.
Dieser Valentinstagsbrief zeigt Raisa in ihrer sehnsüchtigsten Stimmung — gut gekleidet und gut behandelt, aber emotional schmerzend nach Hause und Familie.
Quelle: SCAN0065